Vom Ende und dem Rest der Dinge

Montag, 25. August 2008

Elementare

oder Primaererfahrung will ich das nennen, was am urspruenglichen Bau der Schoepfung teilnimmt: den Boden, auf dem du schlaefst, oder die Wege, die du unter den Sandalen spuerst, die Meereswellen, auf denen du im Mondschein liegst und die Felsen, die verankerten Boote und sogar die draussen liegende Nachbarinsel ebensogut sehen kannst wie am Tage. Im Nachtlicht erkennen und die Sonnenhitze ertragen. Die Staetten der heiligen Schrift betreten und die Ortsnamen in ihrer Sprache und Schrift buchstabieren. Ihren Worten nachgehen an den Tischen der Taverne bei weissem, klaren Wein, und ihre verzweigten Zusammenhaenge aufknuepfen. Ihre Saetze in der schattigen Laube vor dem Hintergrund griechisch-roemischen Goetterglaubens sehen lernen. Die Abgeschiedenheit und Fremdheit der kleinasiatischen Christen unter Kaiser Domitian erblicken in unserer eigenen Skurrilitaet im modernen Saekularismus, der allmaehlich totalitaer und intolerant geworden ist.
Und wieder auf den Boden zurueckkehren und, am Ruecken liegend, den Kranz der zwoelf Sterne der himmlischen Frau vor Augen, der unsterblichen Kirche, der, wie aus Versehen geheim, aber sichtbar, die Europafahne ziert.

Jeden Tag rueckt der Schatten weiter ueber den Mond, aber als er ganz enthuellt war, wie ein Koenig alles ueberstrahlend, da hat ihn voellig unvorbereitet eine rotbraune Schale verschluckt, sodass nur ein Zipfel noch hervorragte und er beinahe ganz darin ertrunken waere, und viele Male habe ich meine Augen gerieben: ich werde mir merken, wie angreifbar seine Herrschaft ist.

Unter Nachtzeichen sind die Worte ergangen, also soll die Nacht ertragen werden.

  • Danach sah ich, eine Tuer war geoeffnet im Himmel. Offb 4,1

Eine froehliche Oma

im Badeanzug watet entlang der Mauer im Wasser, welche die Hafenbucht von Hermoupolis vom offenen Meer trennt, und untersucht die Ritzen zwischen den Steinen. Ich ueberlege, ob sie Muscheln sucht. Aber dann wirft sie dem Hund etwas auf die Stufen hin, und er zerrt wild an der Leine, die zwei Kinder muehsam halten, und beschnueffelt die Krabbe, die seitlich Taenze aufuehrt und sicherlich nach seiner Nase geschnappt hat. Die Frau bueckt sich und reisst der Krabbe einige Beine aus und wirft sie im grossen Boden ins Meer. Dann schubst sie das Tier laut lachend dem Hund vor die Nase, und alle sind vergnuegt an diesem Sonntagabend.

Unser Zimmerverwalter

in Hermoupolis entschuldigte sich fuer den Hundedreck auf der Strasse vor seinem Eingang und praesentierte uns sein bestes Appartement zu seinem billigsten Preis. Am naechsten Morgen verriet uns eine junge, froehliche Frau, die wir fuer seine Tochter hielten, dass er Chirurg sei und zeigte uns die Fotos seiner Teilnahmen an internationalen Marathon- Laufbewerben. Sie war sehr stolz auf ihren Chef.

Sonntag, 24. August 2008

Was wir koennen

Patmos


Man kann die Wellen am Berge rauschen hoeren, und man kann vor dem eigenen Schatten erschrecken am Meeresgrund, den der Mond hinwirft auf die Kiesel und Meerespflanzen.
Man kann Reiseplaene machen am Festland und stranden auf einer Insel mit venezianisch gebauten Haeusern und kraeftig purpur bluehenden Straeuchern, und auf die Nyphe Kalypso hoffen (dann kaeme ich wohl laenger nicht mehr...). Man kann dort die weissen Tauben sehen, die im Seemannslied fuer die Verstorbenen stehen, und an die Seelen der fuer den Glauben Verfolgten denken, die unter dem Altar rufen:
  • Herr, wie lange noch!
- Aber eines ist noetig: du musst geopfert haben, dich dargebracht zur rechten Zeit.

Weil doch

zwischen dieser wunderbaren Insel mit dem in der Mitte thronenden Johanneskloster, dem klaren Wasser mit den lieblichen Straenden, dem guten, leichten Essen, den kleinen Doerfern und den unzaehligen Kirchlein - und dem Paradies kaum mehr ein Unterschied sein kann, suche ich nach Anzeichen der Erloesung in den Gesichtern der Heimischen und Fremden. Aber ich finde neben griechischer Griesgraemigkeit eilige Alltagsbeflissenheit, launige, gereizte Langeweile oder stumpfe Anspannung in den Augen der Moped- und Motorradfahrer, die droehnend und knatternd auf den wenigen Strassen die Idylle durchkreuzen.
Auch in der Offenbarungshoehle ersticken die unentwegt kreuzschlagenden Leiber das Ruhende, im Hof des Johannesklosters die unablaessig hereinquellenden verschwitzten Scharen, sodass wir abruecken zu einer schattigen Ecke in den benachbarten Gassen, und alles Voreilige von den Bildern fernhalten, die wir uns machen vom hereinbrechenden Ereignis.
Mehr Geist war auf entlegenen Wegen, mehr Atem am noerdlichen Zipfel, wo nach Kabos zwischen Thymianpolstern manchmal eine Brise Meeresrauschen heraufwehte, als waere die Huegelsenke eine Muschel, die man ans Ohr halten kann. Wie seit minoischen Zeiten, seit Alexanders Feldzuegen oder der jungen Kirche, ziehen Raumvoegel Schleifen und durchtrennen zu Mauern aufgeschichtete Steine die flimmernd gruenen, stacheligen Haenge, und wenn du zu nahe kommst, stiebt die Ziegenherde trippelnd auseinander. Unten, am schmalen Sandsaum, siehst du einige Punkte sich loesen und hinueberbewegen zu einem braunen Platz, und etwas spaeter brausen einige Mopeds herauf mit braungliedrigen Gestalten mit verschlossenem Blick - aber kurz darauf deutet nichts mehr darauf hin, dass man Vergnuegungen nachstellen muss bis ans Ende der Welt.
  • Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen. Offb 1,7

Patmos2

Die Burschen

kuessen ihre Maedchen mit siegesgewissen Blicken und einer Hand in der Hosentasche.

Die schmalgesichtigen Griechinnen

mit ihren Hakennasen blicken streng und ernst mit ihren hohen Augenbrauen. Ihr rotes oder dunkelblondes Haar ist zu einem Zopf zurueckgebunden, und ihre schmalen Schultern tragen auf duennen Traegern enge Sommerkleidchen: aber sie wuerdigen dich keines Blicks, und selbst fuer ihre Kinder haben sie kaum ein Laecheln.

Samstag, 23. August 2008

Wir lachen

ueber die griechischen Kellner in den Tavernen Skalas, die uns die Speisekarten auf den Tisch hinwerfen und spaeter Glaeser und Besteck hinknallen, als haetten sie andere, bessere Gaeste erwartet, und wollen sie an die Villacher Tourismus-Schule verweisen.

Donnerstag, 21. August 2008

Der Taxifahrer,

der gestern den ganzen Vormittag mit einem Blick in die Ferne auf seinem Stuhl sass und die ihn immer wieder ansprechenden Bekannten mit Gleichmut ertrug, hat heute einen Nachbarn, ebenso schweigsam wie er.

Samstag, 16. August 2008

Beobachtungen

So harmoniesuechtig sein, dass man die gefluechtete Katze wieder von den die Terrasse ueberspannenden Weinreben herunter locken moechte, waehrend der Hund unterm Tisch jault.


Ein am Strassenrand geparktes Auto, einige Erwachsene hantieren mit einem Plastiktoepfchen und scheinen ratlos, wie sie ihn saeubern sollen; die Frau sucht immer wieder, ihn ueber der Boeschung auszuschuetteln, schliesslich kommt einer mit einer Wasserflasche. Das Kind steht reglos mittendrin und sieht schweigend zu.


Gestern erschienen mir die Menschen, die am gegenueberliegenden Felsen so nah am Abgrund hantierten, bloss um des Bildes willen, als leichtsinnig und tollkuehn.
Heute war ich selbst dort, und wahrscheinlich gestern schon.
Auf diesen runden Felsbuckeln siehst du den Abgrund gar nicht, der sich unter dir oeffnet, du hast keinen Eindruck von der Ausgesetztheit, in der du dich befindest.
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ferne

Sobald sich aber einer dem Herrn zuwendet, wird die Hülle entfernt. Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.

2 Kor 16f

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